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Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 6: Hamburg 1996 – als das Tonstudio ins RAM zog

Steinberg Research mit Karl „Charlie“ Steinberg vor einem Atari ST Computer 1983 | Foto: Tony Hastings

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 6: Hamburg 1996 – als das Tonstudio ins RAM zog

Von Dr. Fabian Czolbe

1983 lernten sich der Ingenieur Karl „Charlie“ Steinberg und der Keyboarder Manfred Rürup zufällig bei einer Aufnahmesession im Delta-Studio kennen. Dies wurde zu einem der innovativsten Impulse aus Hamburg, der in den folgenden zwölf Jahren das Musik-/Tonstudio neu erfinden sollte. Das ersten Steinberg-Research-Produkte waren der DX Saver und ein bescheidener Multi-Tracker für den Commodore 64 – minimalste Mittel, größte Folgen.

When I first had the Multi-Track sequencer ready I felt it would be successful because I saw that there was nothing else like it around. I knew that using this MIDI mode gave you the capability to do such powerful things with computers

– Charlie Steinberg, 1986

Multi-Tracker Sequenzer Pro-16 Professional von Steinberg Research 1984 | Bild: Jesper Ranum
Multi-Tracker Sequenzer Pro-16 Professional von Steinberg Research 1984 | Bild: Jesper Ranum
Cubase (KeyEditor + ArrangeScreen) 1989 | Bilder: Nigel Lord
Cubase (KeyEditor + ArrangeScreen) 1989 | Bilder: Nigel Lord

Fünf Jahre später erschien, zunächst noch als reiner MIDI-Sequenzer für den Atari ST von einem Team (Werner Kracht, Wolfgang Kundrus, Chris Mercer, Michael Michaelis, Stefan Scheffler) um Charlie Steinberg entwickelt, Cubase. Mit der Maus ließen sich nun ganze Arrangements zusammensetzen, unsauber eingespielte Noten geraderücken („quantisieren“) und Tempi nach Belieben verändern. Plötzlich konnte nahezu jeder musizieren, auch ohne ein Instrument zu beherrschen. Mit Anfang der 1990er-Jahre konnte zudem eine Audiospur direkt in Cubase aufgezeichnet werden und das analoge Tonstudio sah sich seinem digitalen Doppelgänger gegenüber.

Irgendwie war jedem im Team klar, wo wir hinwollten – unsere Vision war das Studio im Computer

– Manfred Rürup, 2024

Der eigentliche Paradigmenwechsel kam jedoch 1996: Mit Cubase 3.02 definierte die Firma Steinberg die Virtual Studio Technology, kurz VST. VST war eine Schnittstelle, über die sich Hall, Chorus und Echo, ab 1999 dann auch komplette Synthesizer, als kleine Programme (Plugins) direkt in die Aufnahmesoftware einklinken ließen. Klangerzeuger und Effekte mussten nun nicht mehr als Hardware angeschafft, verkabelt und gepflegt werden. Was zehn Jahre zuvor noch in Schaltkreisen aus London, New York oder Vermont saß, zog ins RAM eines Heimcomputers und katapultierte die computergestützte Musikproduktion in neue Dimensionen.

Kurz darauf veröffentlichte Steinberg die Audio-Stream-Input/Output-Architektur (ASIO), was die Latenz zwischen Tastendruck und Klang dramatisch verringerte und die Interaktion zwischen Keyboard und Computer musikalisch machte. Beides, VST und ASIO, stellte Steinberg schließlich als freie Protokoll-Architekturen im Netz zur Verfügung. Binnen weniger Jahre wurden VST und ASIO zum globalen Standard.

Manfred Rürup und Charlie Steinberg 1992 | Foto: TOS Magazin (January 1992)
Manfred Rürup und Charlie Steinberg 1992 | Foto: TOS Magazin (January 1992)

Heute basiert nahezu jedes professionelle Musik-Plugin auf diesem Hamburger Standard. Ohne ihn gäbe es wohl keine solche Vielfalt an virtuellen Instrumenten und digitalen Effekten in der heutigen Form. Was bei Harald Bode in Vermont begann und bei EMS in London im Aktenkoffer landete, war mit Steinberg endgültig als innovative Musiktechnologie im Computer angekommen.

Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0

Über die Reihe Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.

Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.

Titelfoto: Steinberg Research mit Karl „Charlie“ Steinberg vor einem Atari ST Computer 1983 | Foto: Tony Hastings
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