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Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 4: Der „Vater des Modularsynthesizers“ war ein Hamburger

Foto: Harald Bode | © Harald Bode, ZKM | Karlsruhe, Nachlass Harald Bode

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 4: Der „Vater des Modularsynthesizers“ war ein Hamburger

Von Dr. Fabian Czolbe

Wer heute einen Synthesizer hört, in einem Popsong, in Filmmusik oder in EDM hört das Echo eines Ingenieurs, den kaum jemand kennt: Harald Bode. Geboren 1909 in Hamburg, gestorben 1987 in den USA – dazwischen wohl einer der stillsten, aber folgenreichsten Entwickler für die elektronischen Musik im 20. Jahrhundert.

Bode wuchs in einem musikalischen Haushalt auf: Der Vater spielte Orgel, die Mutter Cembalo. Statt Musiker wurde er aber Physiker. An der Universität Hamburg studierte er Physik und Mathematik, schloss 1934 ab und baute schon kurz darauf eines der ersten polyphonen elektronischen Tasteninstrumente – die Warbo Formant Orgel von 1937. Hamburg war für Bode nicht der Ort, an dem er bekannt wurde, sondern der, an dem er das Denken in Schaltkreisen, Schwingungen und Klangfarben lernte. 1954 zog er in die USA, wo er tagsüber für Estey Organ arbeitete und abends an einer Idee tüftelte, die so einfach wie radikal war: Was wäre, wenn ein elektronisches Musikinstrument keine feste Form mehr hätte? 

Hamburg war für Bode nicht der Ort, an dem er bekannt wurde, sondern der, an dem er das Denken in Schaltkreisen, Schwingungen und Klangfarben lernte

Ende 1959 stand das Konzept vom Audio System Synthesizer. Statt Röhren setzte Bode auf die noch junge Transistortechnik – seine Module wurden kleiner, stabiler und für Studio und Bühne tauglich. Oszillatoren, Filter, ein Bandschleifenhall, ein Tapedeck und ein Ringmodulator ließen sich per Kabel beliebig verschalten und über Steuerspannungen lenken: das erste patchbare, spannungsgesteuerte Modulsystem überhaupt. Zudem musste das Instrument seinen Klang nicht selbst erzeugen – über ein Mikrofon oder einen LineIn ließ sich beliebige Klänge einspeisen und verfremden. Aus dem Synthesizer wurde so zugleich ein Klangbearbeiter, ein Vorläufer späterer Effektketten eines Studios.

Bodes Gedanken wurden zur Grundlage der gesamten modernen Synthesizer-Architektur und er selbst damit wohl zum Vater des Modularsynthesizers

1960 stellte Bode das System auf der Tagung der Audio Engineering Society in New York vor. Im Saal saß der junge Robert Moog, der Bodes Konzept aufgriff und daraus wenige Jahre später den berühmten Moog-Synthesizer entwarf – auch Donald Buchla übernahm das Prinzip. Ab 1962 arbeitete Bode zudem eng mit dem Komponisten Vladimir Ussachevsky zusammen und entwickelte aus dieser Verbindung den Bode-Ringmodulator und Frequenzschieber, die in zahlreiche Studios und Synthesizer einzogen.
Bodes Gedanken wurden zur Grundlage der gesamten modernen Synthesizer-Architektur und er selbst damit wohl zum Vater des Modularsynthesizers. Dass diese Geschichte in einem Hamburger Hörsaal begann, weiß kaum jemand.


Weiterführende Informationen zu Harald Bode und seinem Wirken finden sich auf der Seite des ZKM Karlsruhe, wo sich auch der Nachlass Bodes archiviert ist.

Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0

Über die Reihe Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.

Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.

Titelfoto: Harald Bode | © Harald Bode, ZKM | Karlsruhe, Nachlass Harald Bode
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