Von Dr. Fabian Czolbe
Denkt man an elektronische Musik der 1970er-Jahre, haben sicherlich einige Pink Floyd, Tangerine Dream oder David Bowie im Ohr. Was sie eint, ist ein Klang, der zehn Jahre zuvor in einer Hauswerkstatt in Vermont gedacht wurde und Anfang der 70er in London zum portablen Instrument reifte.
1969 gründete der Komponist und Synthi-Pionier Peter Zinovieff in London die Firma Electronic Music Studios (EMS). Sein Ziel: ein Synthesizer für die Bühne, nicht nur fürs Studio. Dafür griff er auf eine Idee zurück, die Harald Bode wenige Jahre zuvor in den USA formuliert hatte: ein spannungsgesteuertes, frei verschaltbares Modulsystem. Ohne Bodes Vorarbeit wäre der europäische Synthesizer der 70er-Jahre wohl kaum denkbar gewesen.
Den ersten EMS Synthesizer entwickelte Zinovieff gemeinsam mit David Cockerell und Peter Grogono 1969: der VCS 3. Statt Patchkabel zu verlegen wie bei Moog, verband man die Module über eine Pin-Matrix, ein Schachbrett aus Steckstiften: kompakt, übersichtlich und ein Jahr vor dem Mini-Moog auf dem Markt. Ursprünglich war er, ähnlich wie Buchlas „Electronic Music Box“, die ihrerseits Bodes Modulkonzept aufgriff, als Studiogerät zum Komponieren gedacht. Zinovieff fügte jedoch noch eine Tastatur hinzu, was den britischen Musiker:innen gerade recht kam. Während Moog- und Buchla-Instrumente auf der Insel kaum zu bekommen waren, gab es den VCS 3 vor Ort zu einem erschwinglichen Preis. Brian Eno machte ihn zur Klangsignatur seiner frühen Roxy-Music-Phase. Tangerine Dream nutzten ihn auf Phaedra zur Modulation eines Mellotrons. The Who jagten 1971 auf „Won’t get fooled again“ eine Hammondorgel durch seine Filter und King Crimson oder Jean-Michel Jarre griffen ebenfalls zu.
Mit dem Synthi 100 erschien 1971 das EMS-Flaggschiff: zwölf Oszillatoren, Digitalsequencer, zwei 60×60-Matrizen – ein ganzes Tonstudio in einer Maschine. Nur 31 Exemplare wurden gebaut und standen in Rundfunkanstalten Europas und den USA wo sie von Künstlern wie Karlheinz Stockhausen, Rolf Gehlhaar oder Stevie Wonder gespielt wurden.
Ein Jahr später brachte EMS den Synthi AKS, eine VCS-3-Variante im Aktenkoffer, mit Touchpad-Tastatur und eingebautem Sequencer heraus. Der AKS prägte den Sound von Pink Floyds Dark Side of the Moon und die Hi-Hat von „On the Run“ ist in Wahrheit nur ein kurzes Rauschsignal des VCS. Der Synthi AKS klang nach Zukunft und wurde so zum Sound einer Dekade.
Was in Vermont als Projekt begann, wurde in London zum Instrument einer Generation. Bodes Gedanken vom Synthesizer ohne feste Form waren auf der Bühne angekommen.
Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.
Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.