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Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 8: Das <i>ligeti zentrum</i> – Musiktechnologien von morgen

Ligeti Zentrum, Tag der offenen Tür | Foto: Carsten Rabe

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 8: Das ligeti zentrum – Musiktechnologien von morgen

Von Dr. Fabian Czolbe

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György Ligeti | Foto: Milan Wagner

Die Entwicklung von Software für Musiker:innen und die Einbindung des Computers verfolgte der Wahlhamburger György Ligeti bereits seit Anfang der 1970er-Jahre. Zuvor war Ligeti als Composer in Residence an der Stanford University und hatte dort John Chowning und das Stanford Artificial Intelligence Laboratory kennengelernt: eines der damals führenden Computerzentren der Welt. Ligeti war fasziniert von der Verbindung von Kunst, Musik, Wissenschaft und Technologie und wollte diese Ideen mit an seine Stelle an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg bringen. Er plante hier nicht weniger als Europas erstes Institut für Computermusik: ein interdisziplinärer Ort des Wissenstransfers zwischen Kunst und Technologie.

Der Wunsch blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt. Erst posthum, 2023, zu Ligetis 100. Geburtstag, öffnete schließlich das ligeti zentrum in Hamburg-Harburg seine Türen, eine Werkstatt für Innovationen. Vier Hochschulen tragen das Zentrum, und dass eine Musikhochschule und eine Technische Universität hier dasselbe Dach teilen, ist kein Zufall.

Einmal im Monat finden im ligeti zentrum Synthesizer-Workshops statt. Im 9. Stock konnten Besucher:innen die digitalen Musikerzeuger ausprobieren | Foto: Carsten Rabe
Synthesizer-Workshop im ligeti zentrum | Foto: Carsten Rabe

Dass eine Musikhochschule und eine Technische Universität im ligeti zentrum dasselbe Dach teilen, ist kein Zufall

Das ligeti zentrum mit den unterschiedlichen Laboratorien und Projekten versteht sich als Möglichkeitsraum für innovative Impulse: So überführt Simon Linke mit seinen Cyberinstruments das physikalische Verhalten realer Instrumente mithilfe der Impulse Pattern Formulation in nichtlineare Algorithmen. Es entstehen Klänge, die kein vorhandenes Instrument produzieren kann, und die Grundlage für eine neue Generation von Synthesizern. Was bei Harald Bode ein Lötkolben war, ist jetzt eine rekursive Gleichung. 

IPF Equation
IPF-Gleichung

Algorithmen machen dabei Muster in Klang und Synchronisation hörbar, die das Ohr allein nicht greifen würde. Dass diese Idee unter dem Dach des ligeti zentrums nicht nur abstrakt bleiben, zeigt Eduardo Mirandas 2023 am DESY mit Quantencomputern komponierte „Multiverse Symphony“. Von Manfred Rürups Idee eines Studios im Computer bis zu Mirandas verschränkten Qubits sind es dieselben Fragen und Impulse.

Messung-Zither
Zither-Messung | Foto: Simon Linke

Im ligeti zentrum entstehen derweil ganz andere Arten von Instrumenten: Steinbergs DAW hatte es möglich gemacht, Musik ohne Instrument zu komponieren. Greg Bellers Synekine-Projekt dreht das nun um: Es verbindet Körperbewegung und Klang so, dass Improvisation und Komposition in einem Aufführungsmoment zusammenfallen. Das InnoLab entwickelt dafür Sensoren, Gestenerkennungsalgorithmen und Lautsprechersysteme. 

Der Spatial Sampler | Foto: Franziska Fiolka

Diese kommen darüber hinaus auch in Projekten wie dem Hexenkessel oder den Healing Soundscapes zum Einsatz: Der Hexenkessel, ein Prototyp für multimediale Bühnenperformances, zeigt, wohin eine sensorgestützte Erweiterung klassischer Instrumente führen kann, und Healing Soundscapes macht in Zusammenarbeit mit dem UKE deutlich, wie KI generierte Klangumgebungen das Wohlbefinden von Patient:innen und Personal in Wartebereichen von Kliniken messbar verbessern.

Lin Chen spielt den Hexenkessel auf der SuedKultur Music-Night 2024 / Foto: Jacob Mewes
Lin Chen spielt den Hexenkessel | Foto: Jacob Mewes

Auch wer kein Instrument beherrscht, kann eine Komposition mitgestalten

Im XR Lab verbinden sich dagegen physische Bühnen mit virtuellen Räumen. Moving Sound Pictures macht Gemälde in virtuellen Realitäten klanglich begehbar. Lern-Apps wie EMI-me! ermöglichen es Kindern und Erwachsenen, Musik mit dem Körper zu erkunden. Was zuvor vom Studio in den Rechner wanderte, verlässt ihn nun wieder und wird zum Raum selbst, ob virtuell, erweitert oder ganz real. So übertragen etwa vibrierende Drumsticks das Spielgefühl am Schlagzeug ohne Schlagzeug und öffnen die Musiktherapie für neurologisch eingeschränkte Patienten. Messungen der Körperdynamik beim Musizieren helfen dabei, Überlastungsschäden vorzubeugen. Klangskulpturen übertragen die Idee des Synthi AKS in den Körperraum, Schaukeln verändern Klanglandschaften, Bodensensoren verarbeiten Stimmen zu abstrakten Klangtexturen und eine Bananenschaukel macht aus dem Gleichgewichtssinn ein kollektives Konzert. Auch wer kein Instrument beherrscht, kann eine Komposition mitgestalten.

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Moving Sound Pictures | Foto: Christina Körte

Was all diese Projekte verbindet, ist nicht die Technologie. Es ist das Wissen, das zwischen ihnen oszilliert. Die Ideengeschichte von der Verbindung von Musik und Technologie, von dem Wissenstransfer zwischen den Disziplinen und Akteur:innen macht es möglich, innovative Idee zu entwickeln. Die Geschichte, die diese Reihe erzählt hat, ist voller Momente, in denen jemand etwas ausprobiert hat, das noch keinen Namen hatte. Von der Zinnpfeife der Orgelbauer über den Ringmodulator und den VST-Standard bis zum Quantencomputer oder Cyberinstruments: Hamburg war immer wieder der Ort, an dem Musiktechnologien von Weltgeltung entstanden. Hamburg war und ist nicht nur Kulisse, sondern Werkstatt und Ort des Austauschs. Hier werden Konzepte entworfen, probiert und weitergedacht. 

Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0

Über die Reihe Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.

Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.

Titelfoto: Carsten Rabe
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