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Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 7: Mit Emagic von Hamburg ins Appleversum

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 7: Mit Emagic von Hamburg ins Appleversum

Von Dr. Fabian Czolbe

Während Steinberg 1996 in Hamburg den VST-Standard veröffentlichte und damit die Tür für Tausende von Plug-in-Entwickler:innen aufstieß, arbeiteten keine zehn Kilometer entfernt Gerhard Lengeling und Chris Adam in Rellingen bei Hamburg an einer anderen Antwort auf dieselbe Frage: Wie kann der Computer zu einem kreativen Werkzeug für Musiker:innen werden?

„My first synthesizer as a teenager was a Minimoog“, erinnert sich Lengeling. „It blew my mind as a musician. It sparked my interest in the crossings of technology and art. I wish that every generation could have the same opportunities.“

Es dürfte eine freundschaftliche Rivalität gewesen sein, die beide Teams antrieb

Begonnen hatte alles mit dem Atari ST, denn der Atari hatte etwas, das kein anderer Heimcomputer der 1980er-Jahre hatte: eingebaute MIDI-Anschlüsse. Für Musiker war er deshalb das Gerät der Stunde. Lengeling, damals Medizinstudent an der Universität Hamburg, und sein Partner Adam entwickelten für diesen Rechner zunächst Creator, dann Notator (ein Sequenzer, der als erster überhaupt Noten in Echtzeit anzeigen konnte, während man spielte). Der Hamburger Musikerverlag C-Lab vertrieb die Software. Steinbergs Cubase saß gleich um die Ecke und tat dasselbe – auf demselben Rechner, für dieselben Nutzer. Es dürfte eine freundschaftliche Rivalität gewesen sein, die beide Teams antrieb.

Emagics Notator Logic 1.2 auf einem Macintosh II 1993 | Bild: Sound on Sound, May 1993, S. 77, https://www.muzines.co.uk/
Emagics Notator Logic 1.2 auf einem Macintosh II 1993 | Bild: Sound on Sound, May 1993, S. 77, https://www.muzines.co.uk/

Das Problem war: Die Software gehörte ihnen nicht. C-Lab war kein Verlag im üblichen Sinne, sondern ein Unternehmen, das Lengeling und Adam die Vertriebsinfrastruktur stellte und im Gegenzug die Rechte an ihrem Code hielt. Als die Zusammenarbeit 1992 im Streit endete, standen die beiden Entwickler ohne ihr eigenes Produkt da. Notator gehörte C-Lab. Was sie jedoch mitnahmen, war das Wissen, wie man so etwas baut und die Überzeugung, es im Folgenden noch besser zu machen.

Lengeling, Adam und ihr Kollege Sven Junge gründeten in Rellingen die Emagic Soft- und Hardware GmbH und schrieben ihre Software von Grund auf neu. Das Ergebnis hieß Notator Logic und erschien 1993. Diesmal jedoch nicht für den Atari, sondern für den Mac. Der Atari war mächtig, doch der Mac die Zukunft und das verstand Lengeling früh.

Der Atari war mächtig, doch der Mac die Zukunft und das verstand Lengeling früh

Was Logic nun von Cubase unterschied, war kein Standard und keine offene Schnittstelle, sondern eine Haltung. Logic behandelte den Computer nicht nur als digitales Aufnahmegerät, sondern als Kompositionsumgebung. Den Kern bildete ein modulares Patchsystem, mit dem sich MIDI-Signale verteilen, transformieren und neu gestalten ließen. Zudem ermöglichte es der objektorientierte Editor, das jeder Kompositionsabschnitt als eigenständige, verschiebbare Einheit behandelt werden konnte, und der Hyper Editor, das einzelne MIDI-Events in grafischen Spuren sezierbar wurden. Da wo andere Sequenzer Noten und Klang streng trennten, liefen bei Logic Notation und Sequencing von Anfang an zusammen. Logic war komplex und es brauchte bereits damals Zeit, es in Gänze zu verstehen.

Cubase setzte auf Zugänglichkeit, Logic dagegen auf Differenziertheit und gewann damit Arrangeure, Komponisten und Produzenten. Ende der 1990er galt Logic auf dem Mac über Jahre hinweg als technisch überlegen. Steinberg und Emagic, zwei Hamburger Firmen, nicht weit voneinander entfernt, aber zwei grundverschiedene Philosophien.

Modulares Patchsystem von Notator Logic 1993 | Bild: https://www.muzines.co.uk/, UK-music-magazines-Archiv
Modulares Patchsystem von Notator Logic 1993 | Bild: https://www.muzines.co.uk/, UK-music-magazines-Archiv
Modulares Patchsystem von Notator Logic 1993 | Bild: https://www.muzines.co.uk/, UK-music-magazines-Archiv
Modulares Patchsystem von Notator Logic 1993 | Bild: https://www.muzines.co.uk/, UK-music-magazines-Archiv

Im Juli 2002 griff dann Apple zu. Der Konzern kaufte Emagic und es war das erste Mal, dass ein globaler Technologiekonzern ein Musiksoftware-Unternehmen übernahm. Zu dem Zeitpunkt hatten 200.000 Musiker:innen weltweit Logic im Einsatz, 65 Prozent davon auf dem Mac. Die Windows-Version wurde noch im selben Jahr eingestellt und ein Aufschrei ging durch die Branche. Was dann passierte, war für die Musikproduktion noch folgenreicher als die Übernahme selbst. Apple entwickelte Logic weiter, günstig, stabil und tief in das Betriebssystem integriert. Nebenbei baute Apple GarageBand, eine abgespeckte Version von Logic, aber kostenlos auf jedem Mac. Was in Rellingen als professionelles Werkzeug erschien, bot nun einer ganzen Generation an Musikproduzierenden einen Einstieg.

Was in Rellingen als professionelles Werkzeug erschien, bot nun einer ganzen Generation an Musikproduzierenden einen Einstieg

Lengeling wechselte mit zu Apple und blieb die musikalische Instanz hinter der Software. Er prägte die Design-Philosophie bis hin zu Logic Pro X und sorgte dafür, dass Logic trotz Konzernstrategien ein Werkzeug für Musiker:innen blieb. Im Januar 2026 ehrte ihn die MIDI Association mit dem Lifetime Achievement Award. Eine Auszeichnung für jemanden, der als Medizinstudent in Hamburg begann, Software für Musiker:innen zu schreiben, und damit die Art, wie Musik entstehen kann, grundlegend veränderte.

Verbindung von Notation und Sequenzer in Notator Logic 1993 | Bild: https://www.muzines.co.uk/, UK-music-magazines-Archiv
Verbindung von Notation und Sequenzer in Notator Logic 1993 | Bild: https://www.muzines.co.uk/, UK-music-magazines-Archiv
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0

Über die Reihe Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.

Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.

Titelfoto: Hyper Editor für die Kontrolle von MIDI Events in Notator Logic 1993 | Bild: https://www.muzines.co.uk/, UK-music-magazines-Archiv
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