ligeti zentrum @ Future Lecture: Wenn Strukturen sich selbst zitieren. Fraktale, Selbstorganisation & Selbstähnlichkeit

In der Veranstaltungsreihe Future Lectures der Technischen Universität Hamburg präsentieren Forschende aus verschiedenen Fachgebieten ihre zukunftsweisenden Forschungsthemen und -ideen. Abgerundet werden die Veranstaltungen durch ein anschließendes Get-together, das die persönliche Vernetzung fördert. Im Hinblick auf die anstehende International Computer Music Conference (ICMC) sind Prof. Georg Hajdu (Projektleitung ligeti zentrum) und Dr. Simon Linke (InnoLab) zu Gast im Audimax 2 und geben einen Einblick in die Themenbereiche Fraktale, Selbstorganisation und Selbstähnlichkeit in der Musik:
Wenn Strukturen sich selbst zitieren
Fraktale, Selbstorganisation, Selbstähnlichkeit – und warum alles tief in der Musik steckt
Die Länge einer Küstenlinie hängt von dem Lineal ab, mit dem man sie misst. Ein Ast verzweigt sich wie ein Baum. Und ein Musikstück von György Ligeti entfaltet sein Material auf jeder Zeitskala nach demselben Prinzip. Zufall? Nein – Struktur.
Strukturen, die sich auf jeder Betrachtungsebene wiederholen, sind kein Sonderfall der Mathematik – sie sind ein Grundprinzip der Natur. Küstenlinien, Gefäßsysteme, neuronale Netze: Überall dort, wo komplexe Systeme über viele Skalen hinweg funktionieren müssen, taucht Selbstorganisation als Ähnlichkeitsprinzip auf. Der Vortrag geht der Frage nach, ob Musik dasselbe tut – und wenn ja, warum das mehr als eine Analogie ist.
György Ligeti dachte: Ja! Er erkannte in Mandelbrots Fraktalgeometrie, Penroses Quasikristallen und islamischen Mosaiken dasselbe Prinzip, das er intuitiv in seiner eigenen Musik anwandte – Strukturen, die sich auf jeder Zeitskala wiederholen und transformieren. Anhand von Hörbeispielen aus Ligeti, Stockhausen und Chowning wird hörbar, was das konkret bedeutet.
Dass Selbstähnlichkeit kein Einzelfall ist, zeigt ein Blick in die Musiktheorie: Von der Quinte als rekursiver Grundeinheit bis zu Schenkers Schichtungsreduktionen lässt sich Musik als hierarchisches Fraktalsystem beschreiben. Die Gestaltpsychologie erklärt, warum das Gehirn genau diese Strukturen bevorzugt verarbeitet. Am Ende steht eine These, die offen bleibt: Wenn neuronale Architekturen selbst fraktal organisiert sind, ist die Wirkung von Musik vielleicht keine kulturelle Konvention – sondern strukturelle Resonanz. Und ob Bewusstsein selbst ein fraktales Phänomen ist, diskutieren wir danach gerne bei einem Kaltgetränk.
Eintritt frei.
Um Anmeldung wird gebeten.
Die Referenten
Prof. Georg Hajdu, geboren 1960 in Göttingen, ist Komponist, Multimedia-Künstler und Professor für Multimedia-Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Seine Karriere verbindet von Anfang an wissenschaftliches und künstlerisches Denken: Er studierte Molekularbiologie und Komposition in Köln, promovierte 1994 in Computermusik an der UC Berkeley.
Sein kompositorisches Werk umfasst Instrumental-, Vokal- und Elektronikmusik und lotet konsequent die Grenzen zwischen akustischen und elektronischen Klangwelten aus. International bekannt wurde er mit Quintet.net, einer 2002 uraufgeführten Echtzeit-Plattform für vernetzte Musikperformance – ein Pionierwerk im Bereich kollaborativer Musikpraxis.
An der HfMT gründete er 2004 Deutschlands ersten Masterstudiengang für Multimedia-Komposition. Er entwickelte einflussreiche Software-Tools wie MaxScore und DJster und war an mehreren EU-Projekten zur Musik- und Technologieforschung beteiligt.
Als Gründungsdirektor des ligeti zentrums in Hamburg fördert er interdisziplinäre Forschung an der Schnittstelle von zeitgenössischer Musik, Wissenschaft und Technologie. Seine Werke wurden auf allen Kontinenten aufgeführt; seine Publikationen prägen den Diskurs über Musik und Technologie bis heute.
Dr. Simon Linke ist Dozent für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg und wissenschaftlicher Mitarbeiter im InnoLab des ligeti zentrums. Nach einem Masterstudium in Systematischer Musikwissenschaft an der Universität Hamburg promovierte er 2022 gemeinsam an der Universität Hamburg und der HAW Hamburg mit einer empirischen Arbeit zur Impulse Pattern Formulation (IPF) – einem nichtlinearen Modell zur Beschreibung dynamischer Prozesse in Musikinstrumenten und führt diese Arbeit im Projekt Cyberinstruments am ligeti zentrum fort.
Seine Forschungsschwerpunkte umfassen musikalische Akustik, nichtlineare Dynamik in der Musik, Synchronisation von Musikinstrumenten und Musikern, Körperschall sowie Sonifikation und selbstorganisierende Karten mit KI-Bezug. Jüngst wurde er gemeinsam mit Dr. Tim Ziemer für das Projekt SOMson ausgezeichnet: ein interaktives System, das mehrdimensionale Daten durch Klang hörbar macht und damit über rein visuelle Darstellungen hinausgeht. Das Projekt erhielt 2025 den Data Sonification Award der Northeastern University in Boston. Linke ist zudem im Team des ligeti zentrums an der HfMT Hamburg tätig, wo er im Bereich Künstlerische Informatik mitwirkt. Seine Publikationen erscheinen u. a. im Journal of the Acoustical Society of America und im Journal on Multimodal User Interfaces.
Credit: Simon Linke
