Healing Soundscapes: Vom Prototyp zum Patent
Seit der Eröffnung des ligeti zentrums legt das Projekt Healing Soundscapes so etwas wie einen Raketenstart hin. Ein Überblick über die Entwicklungen.
Wartebereiche im Krankenhaus sind steril und mit allerlei Anspannungen verbunden. Hier wippt ein Patient unruhig mit dem Bein, während er auf eine Ärztin wartet. Dort sitzt ein besorgter Besucher, der um eine Angehörige bangt. Türen öffnen und schließen sich. Stuhlbeine rutschen über den Linoleumboden. Für Räume wie diese entwickelt ein interdisziplinäres Team am ligeti zentrum die sogenannten Healing Soundscapes: unaufdringliche Hintergrundklänge, die in stressbehafteten Umgebungen positiv auf das menschliche Wohlbefinden einwirken.
Seit der Eröffnung des ligeti zentrums im Jahr 2023 legt das Projekt, das Prof. Dr. Sebastian Debus (UKE), Prof. Dr. Eckhard Weymann (HfMT) und Prof. Dr. Georg Hajdu (HfMT) gemeinsam ins Leben riefen, so etwas wie einen Raketenstart in Richtung einer zukünftigen Ausgründung hin. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) laufen die musikalischen Klanginterventionen mittlerweile in diversen Bereichen. Im März 2025 gelang ein erster bürokratischer Meilenstein: Das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) nahm die Bildmarke „Healing Soundscapes“ in das Register der Unionsmarken auf. Rund eineinhalb Jahre später folgt nun die Patentanmeldung für den „Healing Soundscaper“, eine kombinierte Hard- und Software-Lösung für das Abspielen generativer Klanginstallationen im Gesundheits- und Kulturbereich. Derweil wächst das Interesse an den Klanginterventionen weiter – sogar weit über die Grenzen Hamburgs hinaus.
Partizipativer Implementierungsprozess
Um Wartezimmer klanglich zu gestalten und die Atmosphäre gezielt zu modifizieren, stellte das Team von HfMT und UKE zunächst einmal ganz grundlegende Fragen. „Was ist das für ein Raum?“ Schnell zeichneten sich verschiedene Parameter und Merkmale ab: Handelt es sich um ein Durchgangszimmer, das sehr offen und unruhig gestaltet ist? Wie steht es um die Helligkeit und die Raumtemperatur? Analysierende Fragen richtete das Team auch an sogenannte Patientenbotschafter:innen, eine Gruppe von im UKE ausgebildeten Patient:innen und Angehörigen, die das Projekt durch Feedback begleitet. „Wir wollten wissen, was ein Raum brauchen könnte“, erläutert die Musiktherapeutin Dr. Pia Preißler, die das Projekt am UKE leitet. „Was sollte der Raum dazugewinnen, um das Warten angenehmer zu gestalten?“ Der direkte Austausch mit Patient:innen, Besuchenden und Personal sei auch jetzt, wo Healing Soundscapes bereits in verschiedenen Krankenhausbereichen dezent und im Hintergrund zu hören sind, extrem wichtig.
Dass sich die benötigten Soundscapes mit dem Kontext eines Raumes verändern, wurde spätestens dann deutlich, als das Team sich in OP-Säle vorbewegte. Hier arbeiten Menschen hochkonzentriert und es piepst dabei fast durchgehend. Der entspannende Ansatz der Klanginterventionen komme aber auch hier zum Tragen. „Einige Operationen dauern sehr lange“, erklärt Pia Preißler. „Besonders bei Routineeingriffen gibt es Phasen, in denen das Team kurz durchatmen kann. Dann braucht es aber auch wieder hohe Aufmerksamkeit.“ Das stelle besondere Anforderungen an die Kompositionen.
(Inter-)Nationaler Anklang
Längst schlägt das Healing-Soundscapes-Projekt auch regionale und überregionale Wellen. Im Hamburger Albertinen Haus, einer Wohn-Pflegeeinrichtung mit Therapiezentrum, laufen die Soundinterventionen im Rahmen des Projekts „SmartAging“ schon bald in der sogenannten Community Corner. „Das wird spannend, weil es sich hier um einen Aufenthalts- anstelle eines Wartebereichs handelt“, sagt Pia Preißler. „Mit den Bewohnern haben wir bereits einen Workshop durchgeführt und ihnen Kompositionsausschnitte vorgestellt. Einige wurden abgelehnt, andere willkommen geheißen. Aus letzteren wurde eine Soundscape zusammengestellt, die wir jetzt gerade testen.“
Sogar in Peking, China, wirken die Healing Soundscapes seit August 2026 – in einem Aufenthaltsraum im National Center for Mental Health, der auch für Musiktherapien genutzt werden soll. Der bewährte Ansatz ließe sich auch hier übertragen, so Prof. Dr. Georg Hajdu, Leiter des ligeti zentrums und Hauptentwickler der Healing-Soundscapes-Software. „Es geht im Prinzip um mentale Gesundheit. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen runterkommen können.“
Schritte in Richtung der Markreife
Mit der Anmeldung des Patents für den „Healing Soundscaper“ sei ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung der Marktreife getan. „Zunächst einmal musste die Hochschule zustimmen, dass sie das Patent beanspruchen möchte“, berichtet Georg Hajdu. Dieser Schritt wurde mit der HfMT erfolgreich gegangen. „Jetzt kommen wir an einen Punkt, wo die Skalierbarkeit eine große Rolle spielt“, so der Entwickler weiter. „Die Voraussetzungen dafür haben wir bereits geschaffen.“ Dennoch heiße das Mantra noch immer „testen, testen, testen“. „Man muss diesen Systemen so sehr auf den Puls fühlen, dass sie ein halbes Jahr ohne Aufsicht laufen können. Wenn das erreicht ist, können wir das Produkt final in die Wirklichkeit entlassen.“
Stellvertretend für das interdisziplinäre ligeti zentrum sei das Projekt schon jetzt ein Riesenerfolg. „Jedes Projekt, das es bis zur Marktreife schafft, kann als Modell für andere Projekte dienen“, ist der Projektleiter überzeugt. Vor allem das Wissen um Abläufe und nötige Schritte sei hilfreich. „Ein Projekt muss einfach vorpreschen und den Weg bahnen.“
Dieser Artikel erschien im Oktober 2026 in Print in Ausgabe 39 der zwoelf, der Zeitung der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.
Titelfoto: Healing Soundscapes im National Center for Mental Health in Peking, China | Foto: Prof. Dr. Georg Hajdu
Healing Soundscapes hören
Wie klingen die Healing Soundscapes? Ein Stereo-Stream der Soundscape für die Zentrale Notaufnahme des UKE kann fortan über diesen Link angehört werden.