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ligeti zentrum @ blurred edges: Ensemble 404 x Water Studies – Digitale Rituale und fließende Welten

Vom 29.05.2026 bis zum 28.06.2026 vereint das Festival für aktuelle Musik Hamburg blurred edges analoge sowie elektronische Sounds in Fieldrecordings, Kompositionen, Improvisationen, Performances, Klanginstallationen, Lectures und Ausstellungen. Zum dritten Jahr in Folge trägt das ligeti zentrum zum Programm bei und präsentiert einen Doppel-Konzertabend an der Schnittstelle von Technologie, Improvisation und menschlicher Zerbrechlichkeit.
Das Ensemble 404, unter der Leitung des Komponisten und Forschers Oscar Corpo, stellt sein Debütalbum vor. Die Musik ist eine Reise durch Grenzzustände: Von der kosmischen Meditation in Séirios über die traumähnlichen Halluzinationen einer künstlichen Intelligenz in der Hypnagogia System Suite bis hin zu Shamanic Protocol – einem digitalen Heilungsritual einer „beschädigten“ virtuellen Entität. Zwischen KI-gestützter Interaktion und instrumentaler Präzision sucht das Ensemble 404 nach der menschlichen Essenz im digitalen Rauschen. Hier wird der Fehler zum Werkzeug der Katharsis.
Im zweiten Teil des Abends versetzen die Soundkünstler Kieran McAuliffe und Quirin Nebas aus dem ligeti zentrum die Zuhörenden in verschiedene Aggregatzustände des Wassers, entführen in dumpfe Unterwasserwelten, gewundene Höhlensysteme oder klirrendes Eis. Realisiert werden diese live-Klanglandschaften mit Gitarren, Schlagzeug und der Spatial-Audio-Anlage des hauseignenen Production Lab.
Séirios
für Ensemble und Elektronik
20′
Séirios ist eine klangliche Meditation über den Kosmos – seine Weite, Schönheit und Gewalt – als Spiegel der menschlichen inneren Erfahrung. Im elektronische Part werden sich wandelnde Umgebungen erzeugt, durch die sich die Instrumentalist:innen in Echtzeit bewegen. In klar voneinander abgegrenzte Abschnitte gegliedert, ist das Stück eine Reise, auf der Improvisation auf Form trifft. Aus einem stillen Nichts entstehen subtile Geräuschtexturen, die sich zu einer Intensität aufbauen, bevor sie in fragmentierte Echos zusammenbrechen. Plötzliche Unterbrechungen, pointillistische Gesten und mechanische Rhythmen weichen schwebenden Texturen und langsamen Glissandi. Jeder Abschnitt führt eine neue Energie ein: Fehlfunktion, Stille, Spannung oder Wiedererstarken. Das Ensemble rekonstruiert den Klang nach jedem Zusammenbruch allmählich neu und gipfelt schließlich in einem dichten Höhepunkt, bevor es in die Stille zurücksinkt. Die Musik evoziert die Spannung zwischen Erforschung und Zerfall, Licht und Schatten. Durch dieses Wechselspiel lädt Séirios die Zuhörenden in einen Raum ein, in dem sich Zeit ausdehnt, zusammenbricht und neu formiert und so das fragile Gleichgewicht der Existenz widerspiegelt.
Hypnagogia System Suite
für Ensemble und Elektronik
10’
Hypnagogie ist der Bewusstseinszustand im Übergang zwischen Wachsein und Schlaf. Während dieser Phase können Halluzinationen und andere Sinneserfahrungen auftreten, darunter auditive Phänomene, die von kaum wahrnehmbaren Klängen bis hin zu lauten Geräuschen reichen – etwa Klopfen, Krachen, Schläge, das Knistern zerknüllter Tüten, weißes Rauschen oder das Klingeln einer Türglocke. Diese Klänge sind häufig fragmentiert und unscharf, gelegentlich mit sprachähnlichen Elementen und seltener,Musik.
Das Stück reflektiert die Fragen: „Was würde ein künstliches Bewusstsein hören, wenn es diese Schwelle überschreitet? Wie könnte sich eine traumähnliche Aktivität – bestehend aus der Wiederverarbeitung von Fehlern, Fragmenten und Interferenzen – in einem solchen System manifestieren?“
„Träumen ist die Software, die die Wahrnehmung der Realität verarbeitet.“
Shamanic Protocol
für Ensemble und Elektronik
10’
Shamanic Protocol untersucht die Idee des Rituals als adaptiven rechnerischen Prozess. Die elektronische Komponente wird von einem virtuellen Entitätensystem erzeugt, dessen Gedächtnis aus einem beschädigten Archiv besteht, das Klangspuren schamanischer Praktiken, Musiktherapie, klangbasierter Heilmethoden und Materialien aus der musikalischen Epigenetik miteinander verbindet. Jedes Mal, wenn auf das System zugegriffen wird, wird das Archiv neu verarbeitet und erzeugt ein Ritual, das einer festgelegten zeremoniellen Struktur folgt, zugleich jedoch ein klangliches Ergebnis hervorbringt, das niemals mit sich selbst identisch ist. Dieses wird sowohl durch interne Datenkorruption als auch durch die Anwesenheit verbundener Nutzer:innen beeinflusst. Das System funktioniert als dynamischer Prozess, der zwischen algorithmischer Autonomie, Systemfehlfunktion und reaktivem Verhalten oszilliert. Es bleibt unklar, ob diese Variabilität einen Versuch der Selbstreparatur, einen Verfall des Systems oder seines Archivs widerspiegelt oder schlicht die Betriebsweise der Entität darstellt. Die menschlichen Ausführenden interagieren mit dem elektronischen Prozess durch eine offene, interpretative Partitur und treten mit dem System in Beziehung, indem sie Dichte, Geste und Intensität des Klangs in enger Verbindung zur sich entwickelnden elektronischen Umgebung gestalten.
Ensemble 404
Das Ensemble 404 umfasst aktuelle Studierende, Absolvent:innen und Konzertexamenskandidat:innen der HfMT Hamburg und des Hamburger Konservatoriums. Der Name Ensemble 404 bezieht sich auf den Internetfehler „404 Not Found“ und symbolisiert eine künstlerische Identität, die feste Definitionen und Konventionen bewusst vermeidet. Das Ensemble erforscht neue Klänge, Technologien und Aufführungsparadigmen, darunter Improvisation, erweiterte Spieltechniken, Live-Elektronik, interaktive Partituren und interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Ein zentrales Merkmal des Ensembles ist seine Verbindung mit der Doktorandenforschung seines künstlerischen Leiters Oscar Corpo (Doktorand an der HfMT Hamburg), die die Entwicklung eines KI-Performers untersucht, der dafür konzipiert ist, live gemeinsam mit dem Ensemble zu improvisieren. Ensemble 404 fungiert somit sowohl als künstlerischer Klangkörper als auch als Forschungsumgebung an der Schnittstelle von Aufführung, Komposition und künstlerischer Forschung.
Giusy Panzanaro – Flöte
Sabrina Uccello – Klarinette
Valentina Donato – Klavier
Vitalia Agrba – Schlagzeug/Perkussion
Wakako Matsubara – Violine wákako
Antonio Lo Curto – Violoncello
Bild: René Nebas
Eintritt frei.
Um Anmeldung via Pretix wird gebeten.
Kein Nacheinlass.