Diskurs in Fragmenten: Über einen Sound-Sampler, der sich dem Zufall bedient
Er stand unter anderem schon auf dem Kanalplatz des Harburger Binnenhafens, auf Kampnagel, vor dem Lüneburger Theater und auf einem Schulhof in Neugraben-Fischbek – der record-o-mat, eine alte grüne Telefonzelle, die Passanten zum Innehalten und Sprechen einlädt. Dort, wo früher einmal ein Hörer war, leuchtet heute ein roter Schriftzug. „rec“, kurz für „record“, signalisiert, dass der record-o-mat aufnahmebereit ist. Wer ins Mikrofon spricht, findet den eigenen Beitrag kurz darauf in einer Soundkomposition wieder. Zunächst aber übernimmt der Zufall.
Der record-o-mat fragmentiert die Beiträge, vermischt sie zufällig und kombiniert die Audiofragmente kontinuierlich neu. Den zufallsbasierten Audio-Sampler entwickelten Joana Welteke und Nadja Rix 2019 im gemeinsamen Bachelorstudiengang Expressive Arts in Social Transformation an der MSH Medical School Hamburg. Seither optimieren sie die Technologie und das äußere Erscheinungsbild des record-o-mats – auch im ligeti zentrum.
Aus Idee wird Konzept
Seine erste Soundcollage schnitt das Duo in einem freiwilligen Semesterprojekt. Doch das Arrangieren und Komponieren der Audioaufnahmen rückte alsbald eine grundlegende Erkenntnis in den Vordergrund. „Uns fiel auf, wie viel Macht wir haben“, erklärt Joana Welteke. „Zu entscheiden, welches Audiofragment bleiben darf und welches nicht.“ Diese Entscheidung galt es, auszulagern.
Wie so häufig, wenn Ideen auf fruchtbaren, kreativen Boden fallen, ging es plötzlich ganz schnell. „Wir brauchen ein Aufnahmetool und stellen es in den öffentlichen Raum“, erinnert sich Joana Welteke an den Ideenprozess, der innerhalb weniger Minuten das Grundgerüst des Konzepts offenbarte. „Und dann brauchen wir etwas, wo wir es reinbauen – eine Telefonzelle!“
Auf dem Gebrauchtmarkt wurden die Sozialkünstlerinnen fündig. Die grün gestrichene Telefonzelle stand zuvor auf einem Campingplatz und entsprach genau der Vision: Sie war bezahlbar und weder heruntergekommen noch perfekt restauriert – das goldene Mittelmaß, schließlich sollte sie Menschen im öffentlichen Raum ansprechen und einladen, eigene Aufnahmen einzusprechen.
Um den zufallsbasierten Algorithmus auch für Zuhörende und passive Passanten interessant zu machen, schraubten die Entwicklerinnen schon bald an den ersten Parametern. Damit der Sound-Sampler neu eingesprochene Beiträge möglichst zeitnah verwertet, integrierte Joana Welteke etwa Wahrscheinlichkeiten. „Menschen sollen Lust bekommen, die Telefonzelle erneut zu betreten und vielleicht sogar auf sich selbst zu reagieren“, erläutert Nadja Rix. Um den spielerischen Charakter zu unterstreichen und die Aufmerksamkeit der Zuhörenden zu fördern, kommen neben Overlappings und Pausen mittlerweile auch Echos, Pitch- und Lautstärkevariationen zum Einsatz. „Das macht die Aufnahmen zu einer Art Komposition, die auch künstlerisch anmutet.“
Eine schwarze Telefonzelle im Foyer des Hamburger Schauspielhauses: Wer in den Hörer spricht, hört Fragmente der eigenen Beiträge schon bald in der Soundcollage
Filtern oder nicht filtern?
Je nach Einsatzort des record-o-mats wandele sich die einleitende Fragestellung. So konnte die Technologie bereits als Gästebuch, zur Feedbackgenerierung und im Kontext der Erinnerungskultur genutzt werden. Was immer gleich bleibe, seien das zugrundeliegende Zufallsprinzip und der Reiz, nicht immer alles kontrollieren zu können.
Mit den Chancen und Risiken des Unvorhersehbaren beschäftigen sich die Sozialkünstlerinnen auch in anderer Hinsicht. Schließlich kontrollieren auch sie nur bedingt, was Besuchende in den record-o-mat einsprechen. „Natürlich möchten wir nicht, dass etwas Illegales wiedergegeben wird“, sagt Nadja Rix. Nahe des Aufnahmeknopfes sei deshalb auch immer ein Hinweis angebracht: Sollten inhaltlich problematische oder gar strafbare Fragmente abgespielt werden, könne man mit eigenen Aufnahmen dagegen anarbeiten oder sich auf direktem Wege bei den Entwicklerinnen melden. Im Zweifel werde das System neu gestartet und der Inhalt zurückgesetzt. „Einen Filter einzusetzen, ist natürlich eine hochpolitische Angelegenheit“, räumt Nadja Rix ein. „Anstatt Aufnahmen vollends zu löschen, würden wir problematisches Material lieber transformieren.“ Eine Idee sei es, entsprechende Fragmente rückwärts abzuspielen. „Dann ist der Inhalt nicht mehr erkennbar, aber sehr wohl, dass sich in der Aufnahme etwas wiedergefunden hat, was nicht in Ordnung gewesen ist.“
Mal Telefonzelle, mal handliches Telefon: Die Technologie des record-o-maten setzen die Entwicklerinnen Joana Welteke und Nadja Rix in vielfältigen Kontexten ein
Diskurs dank Telefonapparat
Um all diese Ideen in die Programmierung zu integrieren und den Sound-Sampler mittelfristig zu einem skalierbaren Tool voranzutreiben, arbeitet Joana Welteke im ligeti zentrum an neuen Prototypen. Zugleich entstehen stetig neue Verbindungen und Kooperationen – mit externen Partnern aus der Region ebenso wie mit Mitgliedern des ligeti zentrums. So entstand nicht zuletzt der diskurs-o-mat, eine mobile und handliche Version des record-o-mats, verpackt in einem alten Gabeltelefon, das ohne großen Aufwand in Innenräumen genutzt werden kann. Auch in anderen Projekten und einer Residency kam der Algorithmus bereits zum Einsatz. Das Ziel – „die Ur-Idee“ der Telefonzelle und ihrer integrierten Technologie – aber bleibe noch heute dieselbe wie ganz zu Beginn: „Wir möchten, dass der record-o-mat durch die ganze Stadt wandert und Dialoge fördert. Zum Beispiel an den Endhaltestellen von U-Bahn-Linien, von der HafenCity bis Billstedt oder Mümmelmannsberg.“
Titelfoto: Piet Koenekoop
Dieser Beitrag erschien im Oktober 2026 in Print in Ausgabe 39 der zwoelf, der Zeitung der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.
Teste den diskurs-o-mat im Altonaer Museum
Bis zum 14. Mai 2027 ist der diskurs-o-mat angegliedert an die Sonderausstellung Aiga Rasch und ihre Detektive – Die Drei ??? und Sherlock Holmes im Altonaer Museum zu erleben. Den interaktiven Soundsampler kannst du in der Säulenhalle des Museums testen.