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Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 3: Ein Hamburger Klang geht um die Welt

Flügelmodell D-274 aus der Steinway-Fabrik Hamburg, 2012 | Foto: Steinway & Sons CC BY-SA 3.0

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 3: Ein Hamburger Klang geht um die Welt

Von Dr. Fabian Czolbe

Wer heute einen Konzertflügel wie in der Elbphilharmonie hört, hört in den meisten Fällen einen Steinway. Über 90 Prozent der Konzertpianisten weltweit spielen auf einem Instrument dieser Firma – und der größte Teil davon auf einem, das in Hamburg gebaut wurde. Dabei beginnt die Geschichte nicht an der Elbe, sondern im Harz.

Steinway Fabrik in der Schanzenstraße, Hamburg | Foto: unbekannt
Steinway Fabrik in der Schanzenstraße, Hamburg | Foto: unbekannt
Henry E. Steinway | Foto: unbekannt
Henry E. Steinway | Foto: unbekannt

Der 1797 geborene Heinrich Engelhard Steinweg war gelernter Tischler und Orgelbauer. 1850 verließ er mit seiner Familie an Bord der Helena Sloman, dem ersten Hamburger Transatlantikdampfer, Deutschland und wanderte nach New York aus. Hier angekommen amerikanisierte er seinen Namen und gründete 1853 gemeinsam mit seinen Söhnen „Steinway & Sons“. Was folgte, war eine der folgenreichsten Innovationsgeschichten der Musiktechnologie des 19. Jahrhunderts.

Ein Zeitgenosse nannte sie einmal „Stradivari der Klaviere“

Das erste Steinway-Patent wurde 1857 erteilt; es sollten über 120 revolutionäre Entwicklungen folgen, welche die Firma zum wichtigsten Konstrukteur des modernen Klaviers machten: Unter diesen waren etwa die kreuzsaitige Mensur (1859), die erstmals größere Resonanzflächen in Schwingung versetzte, das Sostenuto-Pedal (1875), oder Rimbiegeblock (1880) zum Formen der Flügelkontur aus verleimten Holzfurnierstreifen. Die Instrumente wurden auf Weltausstellungen in New York, London, Paris und Philadelphia gefeiert. Ein Zeitgenosse nannte sie einmal die „Stradivari der Klaviere“.

Rimbiegeblock bei Steinway in Hamburg | Foto: KarlKunde, GPL
Rimbiegeblock bei Steinway in Hamburg | Foto: KarlKunde, GPL

1880 kehrte die Firma nach Deutschland zurück. Hamburg bot als Hansestadt den idealen Zugang zu internationalen Handelswegen: Rohmaterialien ließen sich leichter importieren, fertige Instrumente schnell in alle Welt verschiffen. C. F. Theodore Steinway übernahm die Leitung der neuen Fabrik in der Schanzenstraße und brachte das gesamte technische Wissen der New Yorker Werkstatt mit an die Elbe. 1928 folgte der Umzug an den heutigen Standort in Bahrenfeld, wo jährlich rund 1.400 Instrumente entstehen.

Was Hamburg für Steinway bedeutet, ist nicht bloß Logistik

Was Hamburg für Steinway bedeutet, ist nicht bloß Logistik. Unter denselben Konstruktionsplänen entwickelte sich hier ein eigenständiger Klangcharakter – heller, brillanter, europäischer als die New Yorker Instrumente. Der Grund liegt in unterschiedlichen Materialien: Buche statt Hartahorn im Rahmen, Renner-Mechaniken statt amerikanischer Teile. Vladimir Horowitz bevorzugte Zeit seines Lebens die New Yorker Instrumente, Artur Rubinstein spielte lieber auf Hamburger Flügeln. Dass zwei klanglich verschiedene Steinway-Schulen unter denselben Bauplänen existieren, ist ein einzigartiges Phänomen der Instrumentenbaugeschichte und Zentrum eines weltweiten Klangs – entworfen in New York, verfeinert in Hamburg.

Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0

Über die Reihe Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.

Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.

Titelfoto: Flügelmodell D-274 aus der Steinway-Fabrik Hamburg, 2012 | Foto: Steinway & Sons CC BY-SA 3.0
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