Von Dr. Fabian Czolbe
Wer Ende des 17. Jahrhunderts nach Hamburg kam, brachte mehr mit als Werkzeuge und Gesellen. Arp Schnitger, geboren 1648 an der Unterweser, hatte seine Lehrjahre bei Berendt Hus absolviert und danach die Werkstatt seines Onkels in Stade weitergeführt. Als er 1682 den Hamburger Bürgereid ablegte, wartete bereits der bedeutendste Auftrag seiner Karriere: Für die Hauptkirche St. Nikolai sollte er die größte Orgel Deutschlands bauen.
In fast fünfjähriger Arbeit entstand ein Instrument mit 67 Registern, vier Manualen, Pedal und mehr als 4.000 Pfeifen. Die größte davon, das 32-füßige C, wog gut 430 Kilogramm. Zur Zeit ihrer Einweihung war diese Orgel die größte der Welt — eine Ingenieurleistung ohne Vergleich und ein musiktechnologischer Meilenstein, der Schnitgers internationalen Ruhm begründete. Beim großen Stadtbrand wurden 1842 Kirche und Orgel vollständig vernichtet. Erhalten blieb jedoch die 1693 fertiggestellte Orgel der Hauptkirche St. Jacobi: 60 Register, vier Manuale, rund 4.000 Pfeifen — bis heute das größte klingend überlieferte Orgelwerk vor 1700. Schnitger integrierte dabei älteres Pfeifenmaterial seiner Vorgänger, sodass die Barockorgel bis heute eine hörbare Zeitzeugin norddeutscher Orgelgeschichte seit 1516 ist.
Was Schnitgers Instrumente von denen seiner Zeitgenossen unterschied, war nicht allein die Größe, sondern ein konsequentes klangliches Konzept: starke Bässe im Pedal, kräftige Mixturen in allen Werken und eine Vielfalt an Zungen- und Soloregistern, die sowohl die Begleitung des Gemeindegesangs als auch die virtuosen Phantasien ermöglichten. Dazu kam der sogenannte Hamburger Prospekt — eine in Teilwerke gegliederte Schauseite mit symmetrischen Pedaltürmen und gestaffelten Manualwerken, mit der Schnitger einen gestalterischen Standard setzte, der den Orgelbau bis heute prägt.
Dass diese Innovationen etwas Besonderes waren, sprach sich schnell herum. Dieterich Buxtehude, der damals bekannteste Orgelmeister Norddeutschlands, ließ sich eigens beurlauben, um 1687 die Nikolai-Orgel zu erkunden. Später reisten auch Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach zu Schnitgers Instrumenten. Von Hamburg aus erstreckte sich sein Wirkungskreis über den gesamten nordwestdeutschen Raum, die Niederlande, England, Russland, Spanien und Portugal — für damalige Verhältnisse ein weltweites Unternehmen. Dass der Orgelbau 2017 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, ist nicht zuletzt das Erbe dieser Hamburger Tradition.
Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.
Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.
Dr. Fabian Czolbe ist habilitierter Musikwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkten in der Musik und dem Musiktheater des 20./21. Jahrhunderts, der elektronischen Musik, der Klangkunst/Klangperformance, der Musikästhetik, der Notation sowie kompositorischen Schreib- und Schaffensprozessen in der Musik. Als Dramaturg wirkte er an Musiktheaterprojekten mit, schreibt als Musikjournalist für Zeitschriften und entwickelt für die akademische Lehre und Museen multimediale Vermittlungskonzepte. Innerhalb der Agentur für Vermittlung und gesellschaftliche Teilhabe vertritt er den Bereich der Musikwissenschaft.