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Wenn Musik auf KI trifft: Interkultureller und musikwissenschaftlicher Austausch in China

Performance in China: Simon Linke und Rolf Bader | Foto: 蔣舒帆

Wenn Musik auf KI trifft: Interkultureller und musikwissenschaftlicher Austausch in China

Ende Oktober und Anfang November 2025 reiste Dr. Simon Linke (InnoLab) nach China, um die internationale Zusammenarbeit im Bereich KI und Musik zu vertiefen. Die Stationen: die Universität Jinhua sowie Workshops und Konzerte in Hangzhou, Jinhua und Shanghai – eine Reise voller künstlerischer Inspiration und interkultureller Begegnungen.

Im ligeti zentrum beschäftigt sich der Musikwissenschaftler Dr. Simon Linke mit der Suche nach neuen, meist digitalen Wegen der musikalischen Klangerzeugung. Dabei beruft er sich auf die sogenannte Impulse Pattern Formulation (IPF), eine vielseitige Methode zur nicht linearen Modellierung, die eine einfache rekursive Gleichung verwendet, um dynamische und komplexe Muster in musikalischen Systemen zu beschreiben und zu verstehen. Spannende Kooperationen entstanden dadurch nicht nur innerhalb des ligeti zentrums. Auch international stößt der Ansatz auf großes Interesse. So reiste Simon Linke bereits im vergangenen Juli nach Sichuan und Yunnan in China, um dort seine Arbeit auszustellen und sich mit den internationalen Kolleg:innen auszutauschen und zu vernetzen. Diesen Herbst konnte die Kooperation auf das östliche China ausgeweitet werden.

Performance in Shanghai: Die Sonomathematischen Impulsarchitekten | Foto: 蔣舒帆
Performance in Shanghai: Die Sonomathematischen Impulsarchitekten | Foto: 蔣舒帆

Ausstellung und Symposium in Jinhua  

Im Mittelpunkt der Reise stand eine Ausstellung zum Thema KI und Musik an der Zhejiang Normal University in Jinhua. Die Ausstellungsinhalte, die von elektronischer Tanzmusik über Filmmusik und Akustik bis hin zu Instrumentenbau und traditioneller Musik verschiedener Kulturen reichen, wurden 2023 ursprünglich in Zusammenarbeit mit Prof. Rolf Bader (Universität Hamburg) für die Ausstellung „Can You Hear It“ am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg entwickelt. Nun konnten sie in aktualisierter und angepasster Form auch in China präsentiert werden. Simon Linke betont: „Besonders spannend war der direkte Austausch darüber, wie sich ethnische Gruppen in der Darstellung wiederfinden und ob diese Perspektiven auch in Deutschland angemessen werden können, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der kolonialen Vergangenheit Hamburgs, deren Spuren such direkt vor den Türen des ligeti zentrums zeigen.“

Der Einsatz von KI als neutraler Vermittler wurde sehr positiv aufgenommen. Sie ermöglicht es, kulturelle Eigenständigkeiten – etwa über Tonsysteme – wissenschaftlich nachvollziehbar zu machen und sensible Themen wie ethnische Identität oder Minderheiten, unter ihnen beispielsweise die Uiguren, sachlich zu adressieren. Dass die Hochschulleitung der Universität Jinhua diese Themen explizit als globale Herausforderungen einordnete, sei sehr hilfreich gewesen. „Diese Rahmung machte es möglich, die Inhalte frei und ohne weitere Einschränkungen zu diskutieren“, berichtet der Musikwissenschaftler.

Großes Interesse galt der interaktiven Dance Booth, die soziale Austauschprozesse über Bewegung und Klang erfahrbar macht. „Während Besucher:innen in Deutschland meist direkt mit der Installation interagieren, wünschte sich das Publikum in Jinhua zunächst Erläuterungen und persönlichen Kontext“, berichtet Simon Linke. Zwar sei der Ansatz betreuungsintensiver; Simon Linke möchte ihn aber auch für künftige Präsentationen in Harburg berücksichtigen.

Während Besucher:innen in Deutschland meist direkt mit der Dance Booth interagieren, wünschte sich das Publikum in Jinhua zunächst Erläuterungen und persönlichen Kontext.

Das anschließende Symposium eröffnete internationale Perspektiven, etwa zur KI-gestützten Modellierung urbaner Klang- und Sozialräume. Die Diskussionen über kulturell unterschiedliche Wahrnehmungen von Lautstärke hat Simon Linke als besonders prägend wahrgenommen. „In Europa gilt Stille oft als Ideal, während in vielen afrikanischen Kontexten gerade das Fehlen von Klang irritiert. Obwohl die im Projekt „Cybermusician“ entwickelten physikalischen Modelle diese Offenheit bereits berücksichtigen, wurde deutlich, dass dieser Aspekt künftig stärker betont werden sollte – eine Beobachtung, die sich auch beim Besuch von Dekan Xing Ruan und dem Team der Stadtplanung an der Shanghai Jiao Tong University bestätigte.“

KI und Musik: Ausstellung in Jinhua | Foto: Simon Linke
Fotos: Simon Linke

Workshops und Konzerte in Hangzhou, Jinhua und Shanghai

Konzert in Hangzhou am 01. November | Foto: 蔣舒帆
Konzert in Hangzhou am 01. November | Foto: 蔣舒帆

Der zweite Teil der Reise galt der musikalischen Zusammenarbeit von Rolf Bader und Simon Linke (Sonomathematische Impulsarchitekten) mit dem chinesischen Musiker und Komponisten Liang Yiyuan, mit dem Simon Linke bereits seit der vorangegangenen Reise nach Yunnan im Kontakt stand. „Die gemeinsam organisierten Workshops und Konzerte ermöglichten einen seltenen Austausch mit Vertreter:innen der freien chinesischen Musikszene, die aufgrund politischer Einschränkungen und begrenzter Förderung nur schwer sichtbar ist“, resümiert Simon Linke. „Viele Musiker:innen können das Land kaum verlassen und haben nur eingeschränkten Zugang zu internationalen Netzwerken.“

Gerade mit Blick auf die ICMC 2026, die vom 10. bis 16. Mai 2026 in Hamburg-Harburg stattfinden und von den Verbundpartner:innen des ligeti zentrums organisiert wird, sei dieser Dialog wichtig gewesen. „Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen zeigte sich ein starkes Interesse an experimenteller Musik – und eine überraschende inhaltliche Nähe zu unseren Zielen, die jedoch oft mit ganz anderen Mitteln verfolgt werden“, erklärt Simon Linke. Die im Projekt „Cyberinstruments“ entwickelten Open-Source-Methoden seien als wertvolle Inspiration aufgenommen worden.

Bemerkenswert war, dass KI-basierte Verfahren in China – ähnlich wie in Europa – offiziell stark gefördert werden, auch im musikalischen Bereich.

„Bemerkenswert war, dass KI-basierte Verfahren in China – ähnlich wie in Europa – offiziell stark gefördert werden, auch im musikalischen Bereich. Dadurch entstehen selbst in restriktiven Strukturen neue Freiräume für künstlerische Arbeit.“ Für Simon Linke und sein Projekt „Cyberinstruments“ bedeutet dies, dass KI-basierte Instrumente und Systeme nicht nur ästhetisch neue Möglichkeiten eröffnen, sondern auch den internationalen Austausch erleichtern können, wo dieser politisch oder gesellschaftlich eingeschränkt ist. Auf diese Weise entstehen sowohl technologische als auch neue kulturelle Impulse, die langfristig auch die Hamburger und Harburger Musikszene bereichern können.

Performance in Hangzhou: Die Sonomathematischen Impulsarchitekten, Simon Linke und Rolf Bader | Foto: 蔣舒帆
Performance in Hangzhou: Die Sonomathematischen Impulsarchitekten, Simon Linke und Rolf Bader | Foto: 蔣舒帆
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